Goldene Jahre

Im 18. Jahrhundert ließen sich die ersten Textilmanufakturen in der Spandauer Vorstadt nieder. Im späten 19. Jahrhundert wurde in zahlreichen Fabriketagen Konfektionskleidung und Textilzubehör hergestellt. Der Hackesche Markt mit den wichtigen Ausfallstraßen Oranienburger und Rosenthaler Straße und dem umliegenden Gebiet avancierte zum Tor der inzwischen für Berlin wirtschaftlich bedeutenden Spandauer Vorstadt. Deren ökonomisches Gefüge wurde nun von der Konfektionsproduktion dominiert. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Berlin, das auf zwei Millionen Einwohner angewachsen war, erstmals das Etikett »Weltstadt« zugeschrieben.

»Berliner Straßenszene« Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner, 1913
In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs um den Hackeschen Markt erwarb der Kaufmann, Hoflieferant und Glasfabrikant Hans Quilitz im Jahr 1859 das Flurstück Rosenthaler Straße 40 und ließ hier Bauten errichten, die er in den Folgejahren sukzessive ergänzte. Bis zum Abriss im Jahr 1905 war ein Haus- und Hofgefüge entstanden, das sich mit seinem auf vier Geschosse erhöhten Vorderhaus und den durch zahlreiche Umbaumaßnahmen verdichteten hinteren Gebäudeteilen zu einem architektonischen Stückwerk entwickelt hatte. In diesem Häusergeflecht betrieben etwa 30 Gewerbetreibende ihre Geschäfte. In den Stockwerksfabriken, – erhaltene Beschriftungen finden sich noch heute in den Treppenhäusern – wurden nicht nur Damenkonfektion, Schuhe, Schürzen sondern auch Verpackungen, Gummi und chemische Produkte hergestellt. Im Vorderhaus befand sich ab 1906 eine Bank – die Depositenkasse der Commerzbank. Herrenmode und Musikinstrumente wurden im ersten Stock des Vorderhauses angeboten. Im zweiten Hof produzierte eine private Telefongesellschaft innerbetriebliche Telefonanlagen. Kontore handelten von hier aus mit Kaffee, Wein, Butter, Kleie, Mehl, Seide u. v. m..

1903 Hackescher Markt

Nicht nur Wilhelm Neumann – der Betreiber der Neumannschen Weinhandlung im ersten Hof – wohnte mit seiner Frau in einer der modernen Wohnungen im Aufgang A und B. Die Gewerbetreibenden pflegten in der damaligen Spandauer Vorstadt in der Nähe ihrer Geschäfte zu wohnen. So entstand schon damals eine kleinteilige Mischnutzung der Höfe, die sich, mit Unterbrechungen, bis heute erhalten hat.
1906 Kaufhaus Wertheim, Rosenthaler Straße Ecke Sophienstraße