Von Wilhelm bis Weimar

Die von Jakob van Hoddis in seinem Gedicht »Weltende« erahnten gesellschaftlichen Brüche, die im Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution 1918/19 ihren vorläufigen Höhepunkt fanden, hatten auch Auswirkungen auf die Hackeschen Höfe. Nicht nur die Fassade zur Rosenthaler Straße wurde durch die Straßenkämpfe in Mitleidenschaft gezogen. Auch die Struktur der Gewerbetreibenden sollte sich in den Jahren der Weimarer Republik tiefgreifend verändern.

Denn die Konjunktur der »Goldenen Jahre« der Gründerzeit hielt nicht an. Schon während des Ersten Weltkrieges kam es in den Hackeschen Höfen zu vielen Geschäftsaufgaben. Durch die Weltwirtschaftkrise in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und die Verlagerung der City in den Berliner Westen mussten viele Kleinunternehmen aufgeben und wurden von größeren Kapitalgesellschaften abgelöst.

Angesichts der in Deutschland bedrohlich aufziehenden Inflation verkauften die neun Quilitzschen Erben im Jahr 1920 die Hackeschen Höfe für 7 Millionen Mark an die Hackescher Hof Grundstücks-Gesellschaft mbH. Bereits vier Jahre später, zum Höhepunkt des Geldwertverfalls, wurden sie an Holdinggesellschaften des jüdischen Kaufmanns Jakob Michael – zu diesem Zeitpunkt einer der reichsten Männer Deutschlands – weiter veräußert.

Auch die Neumanns mussten 1920 ihre Festsäle aufgeben. Der untere Festsaal wurde zu einem Kino umgebaut. Die Hinz & Küster Kaffee AG nutzte ab 1927 die Räume der Neumannschen Weinhandlung. 1930 übernahm die Emil Köster AG das Vorderhaus, das zum Verwaltungssitz der DEFAKA (Deutsches Familienkaufhaus) wurde. Der obere Festsaal wurde zur Betriebskantine und die Stockwerksfabriken zu Warenlagern. Die Nutzung der Höfe unterschied sich nun nicht mehr von anderen Wohn- und Gewerbehöfen. Die Einzigartigkeit der Hackeschen Höfe mit ihrem charmanten Miteinander von Veranstaltungs-, Gastronomie-, Fabrikation-, Handels- und Wohnnutzung war einer Beliebigkeit gewichen.
Rechts: 1918/19 Novemberrevolution, Fassade der Hackeschen Höfe