Der Neue Club

Als Gegenbewegung zum starren wilhelminischen Klima und der kritiklosen Fortschrittsgläubigkeit des beginnenden 20. Jahrhunderts bildeten sich in Berlin zahlreiche intellektuelle Vereinigungen.
Am 8. November 1909 versammelten sich Studenten und Literaten in den Neumannschen Festsälen der Hackeschen Höfe und gründeten den NEUEN CLUB. Zu den Mitgliedern gehörten deutsch-jüdische Künstler und Schriftsteller wie Jakob van Hoddis, Kurt Hiller, Erwin Loewenson, Arthur Drey und später Simon Guttmann, Georg Heym, Heinrich Eduard Jacob und Ernst Blass.
 
DER NEUE CLUB stellte sich kritisch den Fragen, die durch die kulturelle Entwurzelung des Menschen durch die Industriegesellschaft aufgeworfen wurden. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Neopathisches Cabaret« wurden eigene Texte und Gedanken zum Zeitgeschehen vorgetragen. Erwin Loewenson kritisierte in seiner Programmschrift »Neo Pathos« die »Geniefeindlichkeit einer vorgeblich demokratischen Staatsordnung und deren konservative Tendenzen« und richtete sich in einem Aufruf an alle diejenigen, »die in sich den Willen tragen, dieser Zeit der platzenden Belanglosigkeiten einen Schlag ins Gesicht zu setzen und als Politiker, Künstler oder Philosophen eine allgemeine Regenerationsbewegung einzuleiten«.
 
Im Jahr 1911 schrieb der expressionistische Lyriker Jakob van Hoddis das Gedicht »Weltende«, das bereits prophetisch die politischen und wirtschaftlichen Krisen der nächsten Jahre voraus nimmt. Dieser Text gilt als der Beginn der literarischen Moderne in Deutschland und leitet die 1919 veröffentlichte, expressionistische Lyrik-Anthologie »Menschheitsdämmerung« ein. Dieses Gedicht machte Jakob van Hoddis schlagartig berühmt. Seine »Methode« der expressionistischen Lyrik wurde von zahlreichen Schriftstellern aufgegriffen und als Aufbruch-Signal verstanden.
WELTENDE
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften halt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
 
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

 
Die weitere Entwicklung des literarischen Expressionismus in Deutschland wurde durch den aufkommenden Nationalsozialismus abgebrochen. Von der konservativen Öffentlichkeit der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Jude und „Asphaltliterat“ geschmäht, galt Jakob van Hoddis in der NS-Zeit als entarteter Künstler. Schließlich wurde er 1942 deportiert und in einem Vernichtungslager ermordet.
 
An Jakob van Hoddis, als herausragenden Vertreter der Moderne und Mitbegründer des NEUEN CLUB, erinnert eine im Zuge der Sanierung der Hackeschen Höfe angebrachte Tafel im Durchgang des Endellschen Hofes. 

Weltende« Handschrift von van Hoddis
Jakob van Hoddis, Zeichnung von Ludwig Meidner, 1914